|Rezension| Vom Ende an – Megan Hunter

von | Jun 13, 2017 | 0 Kommentare

Katastrophenroman mal anders

Verlag: C.H. Beck
Originaltitel: The end we start from
Übersetzung: Karen Nölle
Gebundene Ausgabe: 16,00 Euro
Ebook: 11,99 Euro
Erscheinungsdatum: 18.05.2017
Seiten: 160

„Es gibt so viele Arten der Stille und nur ein Wort dafür. Die Stille im Haus ist von fehlendem Geräusch zu etwas anderem gereift, einer verdichteten, körnigen Stille, einem Dickicht, durch das man strauchelt.“ (S.40)

Worum geht´s?

Eine Frau, die Erzählerin, bekommt ihr erstes Kind. Gleichzeitig sucht eine gewaltige Naturkatastrophe das Land heim. Eine Flut überschwemmt weite Teile Englands, Feuer brechen aus. Die Frau und ihr Gefährte müssen mit ihrem kleinen Sohn den Ort verlassen, Zuflucht suchen, sich auf eine Insel flüchten. Die kleine Familie wird getrennt. Der Schrecken eines sich steigernden Umweltdramas und die Intimität und das Glück einer Mutter-Kind-Liebe entfalten sich parallel. Mit den Augen eines Neugeborenen wird eine Welt entdeckt, die sich zugleich womöglich zu verabschieden droht.

Cover und Titel

„Vom Ende an” ist ein Titel, der mich sofort neugierig gemacht hat. Ist er nicht ein Oxymoron? Kann am Ende etwas beginnen? Schließt sich das nicht aus? Definitiv macht der Titel, der eine sinngemäße Übersetzung des Orignaltitels “The end we start from” ist, neugierig.
Im Zentrum des Covers prangt in glänzend schwarzen, klassichen Lettern der Titel des Romans. Der Hintergrund ist eine schlichte Zeichnung von Meereswellen/-wasser, der bereits einen ersten Anhaltspunkt für den Inhalt des Romans liefert, ohne zu plakativ zu sein. Ein echtes Schmuckstück im Bücherregal!

 

Mein Eindruck

Obwohl ich in der Regel keine Dystopien lese, haben mich zwei Argumente davon überzeugt, “Vom Ende an” dennoch zu lesen. Zum einen war das die Tatsache, dass die Autorin bereits für ihre lyrischen Werke ausgezeichnet wurde, hier aber einen Katastrophenroman auf gerade einmal 160 Seiten schreibt. Zum anderen ist es die Andeutung des Klappentextes, dass der Fokus der Geschichte nicht auf der Katastrophe, sondern auf der Geburt des Kindes bzw. der Mutter-Kind-Beziehung liegt.

Beide Argumente haben sich beim Lesen des Romans bestätigt, so dass ich meine Entscheidung nicht bereut habe. Das lyrische Talent Megan Hunters spiegelt sich auf den ersten Blick zwar in der Optik des Inhaltes wieder, denn das schmale Buch sieht durch seinen Umfang und die Zeilenumbrüche und Absätze nach fast jedem Satz eher wie ein Gedichtband aus. Ihr nüchterner und knapper Schreibstil scheint im ersten Moment wenig lyrisch, ist aber dennoch durch seine Prägnanz und der Bedeutung des Ungesagten überzeugend. Der Fließtext wird durch kursiv gesetzte Zitate unterbrochen, die an Bibelverse erinnern, aber vielfältigen mythologischer und geistlicher Texte aus aller Welt entstammen, wie der Danksagung der Autorin zu entnehmen ist. Diese Einschübe haben mich eher verwirrt bzw. den Lesefluss gestört. Ihre Bedeutung hat sich mir nur in einzelnen Fällen erschlossen, weshalb ich gut auf sie verzichten hätte können.

Ich bin auch Tage nach der Lektüre noch fasziniert von der Art und Weise wie Megan Hunter in so einem dünnen Büchlein mit so wenig Text eine so bedeutungsvolle und vielseitige Geschichte erzählen kann. Natürlich kann das nicht gelingen, wenn man den Anspruch hat solch ein Katastrophenszenario und die zwischenmenschliche Ebene umfassend schildern zu wollen. Aber das will die Autorin gar nicht. Sie setzt den Fokus ganz klar auf ihre Protagonistin und deren Sohn Z., der zu Beginn der Katastrophe (eine Sturmflut über London) geboren wird. Dass die Autorin alles für sie Unwesentliche ausblendet, merkt man allein daran, dass sie ihren Figuren keine Namen, sondern nur Initialen gibt, wodurch immer eine gewisse Distanz zwischen Leser und Figuren bleibt. Ebenso ausgeblendet werden die genauen Umstände der Flut oder das Schicksal der Mitmenschen. Alles dreht sich um den kleinen Kosmos der Mutter, ihres Partners R. und des gemeinsamen Sohnes Z.

Die stetig wachsende Mutter-Kind-Beziehung ist es, die trotz weniger Worte, so feinfühlig und intensiv geschildert wird, dass dieser Roman wohl gerade Müttern besonders nahe geht. Auch wenn Megan Hunter auf breite Schilderungen von dramatischen Emotionen verzichtet oder vielleicht genau deshalb, weil das Wichtige zwischen den Zeilen steht, wirkt dieser Roman noch lange nach.

 

Mein Fazit:

Wer auf der Suche nach einem klassischen Katatrophenroman ist, wird von Megan Hunters “Vom Ende an” vermutlich enttäuscht sein. Mir hat gerade der Verzicht auf ausschweifende Schilderungen einer Naturkatastrophe und stattdessen die Schwerpunktsetzung auf einen kleinen Kosmos, eine Mutter-Kind-Beziehung, innerhalb des großen Ganzen, ausgesprochen gut gefallen. “Vom Ende an” ist ein beeindruckender Roman über einen Anfang, wenn die Welt unterzugehen scheint.

 

Vielen Dank an den C.H. Beck Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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