|Rezension| Hotel Seattle – Lily King

von | Feb 6, 2023 | 0 Kommentare

Kurzgeschichten so vielfältig wie die Beziehungen, um die es ihnen geht

Verlag: C.H. Beck
Originaltitel: Five Tuesdays in Winter
Übersetzung: Hanna Hesse
Gebundene Ausgabe: 24,00 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 14.07.2022
Seiten: 252

„Auf dem Rückweg nach Vermont dachte ich über die Kraft der Sprache nach, wie nur ein paar Worte in der richtigen Reihenfolge (…) dazu führen konnten, dass Menschen vergaßen, wie sehr man sie enttäuscht hatte.“ (S.155)

Inhalt

Eine Vierzehnjährige verknallt sich in einen verheirateten Mann und träumt von der großen Romantik, bis sie erfahren muss, dass Liebe und Lust zwei einander entgegengesetzte Dinge sein können. Ein junger Mann outet sich und verliert daraufhin seinen besten Freund, dessen Unsicherheit in Aggression umschlägt. Eine Frau kämpft damit, die Abweisung ihrer Teenager-Tochter zu ertragen und fühlt sich dabei so einsam wie nie, doch die Verbindung einer Mutter zu ihrem Kind kann so leicht nicht erschüttert werden. Lily Kings Erzählungen sind berührend, überraschend, hoffnungsvoll – und zum Glück auch ein wenig romantisch.
Sie ist die große Chronistin emotionaler Extremzustände – Lily King beherrscht den ungeschönten Blick auf harte Schicksale und zwischenmenschliche Krisensituationen meisterhaft. Gleichzeitig hilft sie ihren Figuren immer wieder zurück auf Pfade der Euphorie und Zuversicht, lässt sie Neuanfänge wagen, sich doch noch einmal Hals über Kopf verlieben, zweite Chancen geben oder unmoralische Abenteuer eingehen. Auch in «Hotel Seattle» geht es um große Gefühle, allen voran um die Liebe in all ihren schönen und schrecklichen Facetten.

Mein Eindruck

Bisher habe ich alle ins Deutsche übersetzte Bücher von Lily King gelesen. Bisher waren es immer Romane, umso gespannter war ich auf ihre ersten Kurzgeschichtensammlung “Hotel Seattle”. Der Originaltitel “Five Tuesday in Winter” hätte mich in einer 1:1 Übersetzung übrigens neugieriger gemacht als der deutsche Titel “Hotel Seattle”. Wäre dieses Buch nicht von Lily King, hätte ich es vermutlich aufgrund des nichtssagenden Titels ignoriert. Interessant ist, dass sowohl “Five Tuesdays in Winter” als auch “Hotel Seattle” die Titel einzelner Erzählungen sind. Warum man sich für den deutschen Markt für “Hotel Seattle” als Buchtitel entschieden hat, wäre eine Frage, die ich bei einer Lesung definitiv stellen würde. Auch wenn das sicher eine Entscheidung des Verlags und nicht der Autorin war.

Nun zurück zum Buch. Es umfasst zehn sehr verschiedene Erzählungen, die allesamt zwei Gemeinsamkeiten haben: Sie drehen sich um verschiedene Formen von Beziehungen und enden typisch für Erzählungen zwar offen, aber hoffnungsvoll. Etwa die Hälfte der Storys drehen sich um Eltern-Kind-Beziehungen, die andere Hälfte um Liebesbeziehungen. Spannend ist, dass die Protagonisten alle mit den Auswirkungen von Lebenslügen, mit denen sie zu leben gelernt haben, zu kämpfen haben. Da ist die Tochter, die sich nach dem Tod des Vaters von der Mutter abwendet. Es ist der alleinerziehende Vater, der durch die indirekte Hilfe seiner Tochter ein neues Liebes- und Lebensglück findet, nachdem er von seiner Frau verlassen wurde. Und es ist die Teenagerin, die sich in einen wesentlich älteren, verheirateten Mann verliebt, ihm näher kommt und dann schnell merkt, dass er vielleicht doch nicht so “anhimmelnswert” ist. Lily King erzählt mit großer Empathie und ohne belehrend zu sein. Sie urteilt nicht, sondern zeigt Mitgefühl für ihre Figuren, wenn deren Illusionen zerbrechen, ohne ins Kitschige oder Dramatische abzudriften.

Jede Erzählung ist nur eine Momentaufnahme aus dem Leben der Protagonist:innen und trotzdem gelingt es Lily King, dass man als Leser:in deren ganzes Leben, ihren Schmerz und ihre Sehnsüchte vor Augen hat. Diese Gabe ist es auch, die ich an ihren Romanen schätze. Mit ihren Beschreibungen gelingt es ihr, dass man auch das Ausgelassene mitliest und denkt und vor allem, dass man sich in die Figuren einfühlen kann. 

Mein Fazit:

Wer die Romane von Lily King mag und grundsätzlich offen für Kurzgeschichten ist, wird auch “Hotel Seattle” mögen. Den feinfühligen Blick der Autorin auf das Schicksal ihrer Figuren findet man auch hier in den Geschichten wieder. Auch wenn ich die Romane der Autorin aufgrund ihrer Tiefe noch mehr mochte als die Kurzgeschichten, kann ich “Hotel Seattle” vorbehaltlos allen denjenigen empfehlen, die Lust haben, sich von den eigenen Tragödien des Alltags durch jene in Lily Kings Geschichten ablenken zu lassen.

Vielen Dank an den C.H. Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.
 
 
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