|Rezension| Juli Zeh – Neujahr

von | Dez 11, 2018 | 0 Kommentare

Gesellschaftsanalyse meets Psychothriller 

Verlag: Luchterhand
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 10.09.2018
Seiten:  192

„Mit Kindern ist Urlaub eine Episode, in der das Leben noch anstrengender ist als sonst. Man findet keine ruhige Minute, errichtet mit aller Kraft ein Bollwerk gegen Chaos, Langeweile und schlechte Laune. […] Sie wissen längst, dass Arbeit nicht mehr der Feind der Freizeit ist, sondern eine Verteidigungsstrategie gegen den Dauerzugriff der Kinder. Vom Urlaub werden sie sich in ihren Jobs erholen.“ (S.15)

Inhalt

Lanzarote, am Neujahrsmorgen: Henning sitzt auf dem Fahrrad und will den Steilaufstieg nach Femés bezwingen. Seine Ausrüstung ist miserabel, das Rad zu schwer, Proviant nicht vorhanden. Während er gegen Wind und Steigung kämpft, lässt er seine Lebenssituation Revue passsieren. Eigentlich ist alles in bester Ordnung. Er hat zwei gesunde Kinder und einen passablen Job. Mit seiner Frau Theresa praktiziert er ein modernes, aufgeklärtes Familienmodell, bei dem sich die Eheleute in gleichem Maße um die Familie kümmern. Aber Henning geht es schlecht. Er lebt in einem Zustand permanenter Überforderung. Familienernährer, Ehemann, Vater – in keiner Rolle findet er sich wieder. Seit Geburt seiner Tochter leidet er unter Angstzuständen und Panikattacken, die ihn regelmäßig heimsuchen wie ein Dämon. Als Henning schließlich völlig erschöpft den Pass erreicht, trifft ihn die Erkenntnis wie ein Schlag: Er war als Kind schon einmal hier in Femés. Damals hatte sich etwas Schreckliches zugetragen – etwas so Schreckliches, dass er es bis heute verdrängt hat, weggesperrt irgendwo in den Tiefen seines Wesens. Jetzt aber stürzen die Erinnerungen auf ihn ein, und er begreift: Was seinerzeit geschah, verfolgt ihn bis heute.

Mein Eindruck

Innerhalb eines Jahres habe ich drei Romane von Juli Zeh gelesen. Drei Romane, die thematisch so verschieden sind, dass sie eigentlich unmöglich dieselbe Person gleichermaßen ansprechen können. Und doch bringt Juli Zeh den Leser dazu, seine Komfortzone zu verlassen und sich auf Themen einzulassen, die einem zunächst fremd zu sein scheinen. In meinem Fall war das bei “Unterleuten” und “Leere Herzen” so, während die ersten Seiten von “Neujahr” sich für mich trotz des männlichen Protagonisten wie ein Nach-Hause-Kommen anfühlten. 

Gerade wenn Männer über Frauen schreiben oder wie in “Neujahr” eine Frau über einen Mann wird es bei mittelmäßigen Autoren schwierig mit der Authentizität. Oder man ist eben eine Bestseller-Autorin, die so selbstverständlich und feinfühlig aus der Sicht eines Mannes schreibt, dass man manchmal das Gefühl hat, eine Autobiografie zu lesen.

Henning, der verheiratet und Vater zweier Kinder ist, in einem Verlag arbeitet und sich die Erziehungs- und Hausarbeit mit seiner Frau teilt, fährt am Neujahrsmorgen im Urlaub auf Lanzarote mit einem geliehenen Fahrrad eine Bergetappe und sinniert dabei über sein Leben. Während es im ersten Teil im Wesentlichen um seine aktuelle Situation geht, in der er oft mit der Erfüllung seiner Rollen als Vater, Ehemann, Bruder, Sohn und Arbeitnehmer überfordert ist und zusätzlich unter unerklärlichen Panikattacken leidet, beschreibt Zeh im zweiten Teil ein traumatisches Ereignis aus Hennings Kindheit, das sich wie ein Psychothriller liest. 

Obwohl der zweite Teil durch seine Spannungskurve zweifelsohne eine unheimliche Sogwirkung hat, ist es der erste Teil des Romans, der mich mehr beeindruckt hat. Es ist faszinierend wie präzise und sensibel Juli Zeh den Finger auf die Wunde legt und das moderne Familienbild seziert. Dass sie dabei auf die klassische Rollenverteilung, in der die Mutter den Haupt-Erziehungspart übernimmt, verzichtet und nicht wie sonst üblich die Probleme der Mutterrolle in den Blick nimmt, macht den besonderen Reiz von “Neujahr” aus. Ihre Gesellschaftsanalyse ist hier genauso scharfzüngig und gelungen wie in “Unterleuten”, nur dass dieses Mal eben keine Dorfbewohner, sondern die moderne Familie im Fokus ihrer Betrachtung steht. 

Was mir weniger gefallen hat und leider begegnete mir dieses Phänomen dieses Jahr in mehreren Büchern ist die leicht übersinnliche Note des Romans. Henning beginnt auf seiner Radtour durch die Anstrengung und Dehydrierung zu halluzinieren, die Ebenen der Wahrnehmung schwanken hin und her. An diesen Stellen leidet in meinen Augen die Authentizität, was schade ist, denn der Roman hätte auch ohne dieses Element gut funktioniert.

Mein Fazit:

“Neujahr” ist vielleicht nicht Juli Zehs bester Roman, aber ein durchaus lesenswerter. Die Mischung aus präziser Gesellschaftsanalyse, in deren Fokus die moderne Familie steht und der Schilderung eines psychothrillermäßigem Kindheitstrauma macht es wie so oft bei Juli Zehs Büchern schwierig, sie in ein Genre zu pressen. Aber letztlich ist es auch nicht wichtig, in welches Genre man “Neujahr” einordnen kann. Wichtig ist, dass niemand so klug über den modernen Menschen und seine Probleme schreibt wie Juli Zeh. 

 
Vielen Dank an den Luchterhand Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.