|Rezension| Leere Herzen – Juli Zeh

von | Nov 24, 2017 | 0 Kommentare

 

Ein gesellschaftskritischer, dystopischer Psychothriller?

 

 

Verlag: Luchterhand
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 13.11.2017
Seiten: 352

 

 

“Anderswo kämpfen die Menschen um ihr Leben, und du sitzt hier und leidest.” “Du kapierst es nicht.” (…) “Nicht ich leide. Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt.“ (S.107)

 

 

Worum geht´s?

Sie sind desillusioniert und pragmatisch, und wohl gerade deshalb haben sie sich ‎erfolgreich in der Gesellschaft eingerichtet: Britta Söldner und ihr Geschäftspartner Babak Hamwi. Sie haben sich damit abgefunden, wie die Welt beschaffen ist, und wollen nicht länger verantwortlich sein für das, was schief läuft. Stattdessen haben sie gemeinsam eine kleine Firma aufgezogen, “Die Brücke”, die sie beide reich gemacht hat. Was genau hinter der “Brücke” steckt, weiß glücklicherweise niemand so genau. Denn hinter der Fassade ihrer unscheinbaren Büroräume betreiben Britta und Babak ein lukratives Geschäft mit dem Tod.

Als die “Brücke ” unliebsame Konkurrenz zu bekommen droht, setzt Britta alles daran, die unbekannten Trittbrettfahrer auszuschalten. Doch sie hat ihre Gegner unterschätzt. Bald sind nicht nur Brittas und Babaks Firma, sondern auch beider Leben in Gefahr…

 

Cover und Titel

Für mich ist “Leere Herzen” optisch eines der schönsten Bücher dieses Jahres. Auch wenn diese Buch nicht von Juli Zeh wäre, hätte es aufgrund der auffälligen Optik und des an einen Liebesroman erinnernden Titels sofort meine Aufmerksamkeit erregt.
Das Covermotiv lässt sich erst richtig deuten, wenn man den Roman gelesen hat. Um hier nichts vorwegzugreifen, gehe ich deshalb an dieser Stelle nicht näher darauf ein. Fakt ist: Cover und Titel passen hervorragend zur Geschichte und sind noch dazu ein Eyecatcher.

 

Mein Eindruck

Eigentlich lese ich weder Science Fiction noch Thriller. Juli Zehs “Leere Herzen” wird ausgerechnet diesen beiden Kategorien zugeschrieben, was mich vor dem Lesen in leichte Panik versetzt hat. Trotzdem wollte ich mir das neueste Werk dieser Autorin nicht entgehen lassen, da mich ein Science Fiction Roman mit einem Titel, der auch zu einem Liebesroman gehören könnte, aus der Feder einer Autorin, die mich schon mehrfach von ihrem großartigen Erzähltalent überzeugt hat (z.B. bei “Spieltrieb” und “Adler und Engel”), neugierig gemacht hat.

Zunächst noch ein paar Worte zum vermeintlichen Genre dieses Buches: Ist es nun ein Thriller? Oder ein Science Fiction Roman? Meiner Meinung nach würde Gesellschaftsroman am ehesten den Kern der Sache treffen. Auch wenn die Geschichte in der Zukunft (2025) spielt und es sich damit streng genommen um Science Fiction handelt, fehlt der Schwerpunkt auf wissenschaftlich-technische Spekulationen (die es zwar zweifellos gibt, aber die eben nicht im Fokus stehen) oder ferne Galaxien. Und das ist für meinen Geschmack auch sehr gut so 🙂 Um die Geschichte als Thriller einzuordnen, fehlt mir ehrlich gesagt die kontinuierlich spannende Handlung. Das ist keineswegs abwertend gemeint, nur gibt es während des Handlungsverlaufs eben keinen ständigen Wechsel zwischen Anspannung und Erleichterung. Langweilig ist “Leere Herzen” trotzdem keineswegs, denn das Bild, welches Juli Zeh von unserer zukünftigen Gesellschaft zeichnet, ist durchaus spannend und lesenswert.

Was ich an Juli Zehs Erzählstil besonders schätze, ist die Art wie sie sehr kluge Gedanken mit Sätzen von schlichter Schönheit äußert. Ausschweifende Metaphern oder Schachtelsätze, denen man kaum folgen kann, hat sie überhaupt nicht nötig, um dem was sie zu sagen hat, den nötigen Ausdruck zu verleihen. Mir gefällt bei “Leere Herzen” außerdem wie sie hier die Schwerpunkte setzt: Auch wenn politische Themen eine zentrale Rolle spielen, räumt sie ihren Figuren und deren Entwicklung genügend Raum ein. Da letzteres für mich der interessantere Aspekt des Romans ist und dieser wirklich exzellent und überzeugend herausgearbeitet wurde, kann ich mit der Geschichte drum herum sehr gut leben. Bei Juli Zeh gibt es keine Stereotypen, ihre Figuren sind vielmehr derart differenziert, dass es dem Leser schwer fällt, sich eine abschließende Meinung über sie zu bilden. Und genau das macht “Leere Herzen” so reizvoll.

Mit einer Mischung aus Faszination, Erschrecken und Ungläubigkeit begleitet man die Protagonistin Britt sowohl in ihrem privaten als auch beruflichen Umfeld und wird Zeuge ihrer Zerrissenheit zwischen beiden Welten. Das klingt ein wenig platt, aber das ist es ganz und gar nicht. Hier geht es nicht um das klassische Thema “work-life-balance”, sondern um moralische Zweifel, politische Überzeugungen und allem voran leere Herzen. Wie lebt man in einer Welt, in der die “Besorgte Bürger Bewegung” Angela Merkel abgelöst hat, die Technisierung immer weiter voranschreitet und das Zwischenmenschliche oft nur Mittel zum Zweck ist?

All diesen Fragen widmet sich Juli Zeh auf sehr eindrucksvolle und ernsthafte Weise ohne zu moralisieren. Ihr Bild von der Zukunft ist kein schönes, aber ein (wie immer bei Frau Zeh) sehr gut recherchiertes und damit vorstellbares.

 

Mein Fazit:

“Leere Herzen” ist die perfekte Herbstlektüre: Juli Zehs Zukunftsroman über eine Gesellschaft, in der immer mehr Menschen zwar scheinbar alles haben, ihre Herzen aber trotzdem leer sind, bietet keine schönen Aussichten, sondern ist ähnlich wie der Herbst eher grau und trüb, mit einigen Lichtblicken, die letztlich das düstere Bild glücklicherweise etwas relativieren. Ganz klare Leseempfehlung – auch für Menschen, die wie ich eigentlich keine Science Fiction Romane oder Thriller lesen.

 

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.

 

 

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