|Rezension| Unterleuten – Juli Zeh

von | Jan 24, 2018 | 0 Kommentare

Überraschenderweise absolut großartig!

Verlag: btb
Taschenbuch: 12,00 Euro
Ebook: 9,99 Euro
Erscheinungsdatum: 11.09.2017
Seiten: 656

„Was den Menschen vom Tier unterschied, war die Fähigkeit, im Angesicht der Katastrophe “Siehste!” zu denken.” (S. 277)

Worum geht´s?

Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf in Brandenburg wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten. Doch hinter den Fassaden der kleinen Häuser brechen alte Streitigkeiten wieder auf. Und obwohl niemand etwas Böses will, geschieht Schreckliches.

Mit „Unterleuten“ hat Juli Zeh einen großen Gesellschaftsroman über die wichtigen Fragen unserer Zeit geschrieben, der sich hochspannend wie ein Thriller liest. Gibt es im 21. Jahrhundert noch eine Moral jenseits des Eigeninteresses? Woran glauben wir? Und wie kommt es, dass immer alle nur das Beste wollen, und am Ende trotzdem Schreckliches passiert?

Cover und Titel

Würde ich meine Bücher lediglich nach Cover und Titel auswählen, würde “Unterleuten” definitiv durchfallen. Unter dem Titel kann man sich zunächst nichts vorstellen – man muss den Roman schon lesen, um herauszufinden, dass es sich dabei um eben jenes Dorf, das als Handlungsort dient, handelt.
Hinzu kommt der abgebildete Vogel auf dem Cover, das ansonsten durch seinen weißen Hintergrund eher dezent daherkommt. Auch dieses Motiv schreckt mich eher ab als dass es meine Neugier weckt. Ähnlich wie beim Titel erklärt sich die Bedeutung des Vogels erst während des Lesens.
Den Titel “Unterleuten” halte ich rückblickend (nach der Lektüre des Buches) für sehr gelungen – die Doppeldeutigkeit des Namens verleiht ihm seinen Reiz. Warum der Vogel unbedingt aufs Cover musste, weiß ich ehrlich gesagt nicht. Hier hätte ich mir ein anderes Covermotiv gewünscht, weil das aktuelle den Schwerpunkt der Geschichte nicht gerecht wird.

Mein Eindruck

Obwohl ich Juli Zeh als Autorin sehr schätze und “Spieltrieb” sogar zu meinen “all time favorites” gehört, habe ich bisher um “Unterleuten” einen großen Bogen gemacht. Selbst die unzähligen positiven Besprechungen konnten mich nicht zu einem Kauf animieren, denn sowohl Titel als auch Klappentext haben mich absolut nicht angeprochen. Warum sollte ich also dann einen 650-Seiten-Wälzer über irgendwelche Dorfleute und einen Streit um Windräder lesen?

Nun hat mir aber ein Freund, der mich und meinen Lesegeschmack gut kennt, dieses Buch mit den Worten “ich musste beim Lesen an dich denken.” geschenkt. Was blieb mir also anderes übrig, als doch einen Versuch zu wagen? Schließlich wollte ich ihm ja auch ein Feedback zu seiner Auswahl geben. So habe ich mich also trotz erheblicher Vorurteile und Skepsis an “Unterleuten” gewagt und was soll ich sagen? Schon nach 20 Seiten wusste ich, dass der Schenkende mit seiner Wahl einen Volltreffer gelandet hat.

In 6 Teilen und 62 Kapiteln erschafft Juli Zeh einen ebenso spannender wie witziger Gesellschaftsroman über ein kleines brandenburgisches Dorf und dessen Bewohner. In jedem Kapitel kommt abwechselnd ein anderer Charakter zu Wort, wodurch sich nach und nach ein sehr komplexes Gefüge entwickelt, das man nur allmählich durchdringt. Das Besondere an diesem Roman ist nicht der Plot an sich, der – wie eingangs erwähnt – gar nicht so spektakulär ist, sondern vielmehr die Art und Weise wie Juli Zeh den einzelnen Charakteren Leben einhaucht. Sie lässt ihre Figuren derart detailreich und plastisch erzählen, verzichtet dabei auf jegliche Klischees a la “Hier haben wir den Dorfpolizisten und da den Pfarrer.”, entwickelt vielmehr echte Typen, die man so schnell nicht vergisst. Normalerweise kann ich mir keine Namen aus Romanen merken, aber bei “Unterleuten” weiß ich auch noch Wochen später die Namen der wichtigsten Figuren. Hilfreich war anfangs außerdem die Übersichtskarte und das Namensregister samt Erläuterung der einzelnen Personen am Ende des Romans. Gerade zu Beginn, wenn ständig eine neue Person eingeführt wird, ist es hilfreich, schnell nochmal nachschauen zu können, um wen es sich dabei handelt.

Es ist ein wahrer Genuss die Entwicklung der Figuren mitzuerleben; wie man selbst als Leser zwischenzeitlich nicht mehr weiß, wer gut und wer böse ist. Sympathien für einzelne Figuren zu hegen, fällt schwer und trotzdem wachsen sie einem aufgrund ihrer Originalität und manchmal auch Schrulligkeit ans Herz, so dass man sie gern bei ihrem Kampf für bzw. gegen Windmühlen begleitet. Normalerweise komme ich bei solch umfangreichen Romanen früher oder später an den Punkt, an dem ich denke “Das hätte er/sie sich jetzt sparen können.” Oftmals hat man das Gefühl, die Geschichte würde künstlich in die Länge gezogen. Nicht so bei “Unterleuten”: Hier war wirklich keine Seite, kein Satz zu viel (das letzte Kapitel ausgenommen). Allein das beweist Juli Zehs großartiges Erzähltalent. Aber auch sprachlich ist dieser Roman brillant: Ihr kluger, witziger und ironischer Schreibstil trägt wesentlich dazu bei, dass man mühelos durch dir 650 Seiten gleitet. .

Bemerkenswert ist außerdem wie die Autorin wichtige Fragen der heutigen Gesellschaft scheinbar beiläufig in ihre Handlung einfließen lässt: Was ist Erfolg? Wie beeinflusst die Vergangenheit die Gegenwart und Zukunft? Welche Formen von Partnerschaft gibt es? Wie werden diese von außen und von innen wahrgenommen? Wie weit darf man gehen um die eigenen Interessen durchzusetzen? Was ist moralisch vertretbar? Auch politische Themen wie das Ende der DDR und die daraus resultierenden Folgen für die Landwirtschaft, die Landflucht der Großstädter oder das Sterben der Dörfer lässt die Autorin authentisch einfließen ohne den Leser damit zu langweilen.

Das furiose Finale des Romans setzt der ohnehin schon großartigen Geschichte noch das i-Tüpfelchen auf: Es ist originell, überraschend und rundet den Plot wunderbar ab. Verwundert war ich allerdings über das letzte Kapitel, in dem Juli Zeh eine Art alter ego das “Was danach geschah” zusammenfassen lässt. Dieses Kapitel hätte man sich meiner Meinung nach sparen können, da bereits das vorherige Kapitel ein guter Abschluss gewesen wäre.

Mein Fazit:

Man mag es kaum glauben, aber Juli Zehs Geschichte über ein Dorf, das zukünftig einen Windpark beherben soll, ist ein echter Pageturner. Ihre originellen Charaktere, deren Entwicklung der Leser dank der Perspektivwechsel begleiten kann, ihre kluge und witzige Sprache sowie eine Auseinandersetzung mit wichtigen Fragen des 21. Jahrhunderts machen “Unterleuten” zu einem außergewöhnlich unterhaltsamen Lesevergnügen. Ich bin unglaublich dankbar, dass mir dieser Roman quasi aufgezwungen wurde, weil ich ihn sonst vermutlich nie gelesen hätte.

 

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