|Rezension| Wovon wir nicht sprechen – Joanne Fedler

von | Okt 10, 2017 | 0 Kommentare

Über dieses Buch sollte man sprechen!

Originaltitel: Thing without a name
Übersetzung: Susanne Dahmann
Gebundene Ausgabe: 19,99 Euro
Ebook: 17,99 Euro
Erscheinungsdatum: 01.09.2017
Seiten: 448

„Ich mag Leute nicht, die das Wort “fick” in den Mund nehmen, wenn ich noch nicht mal weiß, wie sie aussehen. Das unterstellt irgendetwas. Ich weiß nicht, was. Vielleicht, dass ich auch fluche. Oder ficke. Es ist einfach zu privat.” (S.68)

Worum geht´s?

Die 34-jährige Heldin Faith ist fast schon am Leben zerbrochen: Nicht nur hat sie ihre Jugendliebe viel zu früh an eine heimtückische Krankheit verloren, ihr Job verlangt der empathischen jungen Frau auch so viel mehr ab, als ihr selbst bewusst ist: Denn Faith betreut Frauen, die Opfer häuslicher Gewalt geworden sind. Als eine ihrer Klientinnen trotz Faithʼ Einsatz von ihrem Mann ermordet wird, verliert Faith auch das letzte Zutrauen in sich und die Welt. Erst die Begegnung mit dem Tierarzt Caleb, dessen ruhige, geduldige Art so wohltuend anders ist, lässt sie erkennen, dass auch in ihrem Herzen noch immer ein helles Licht leuchtet.

Cover und Titel

Das schlichte und doch ins Auge stechende Cover von “Wovon wir nicht sprechen” hatte es mir gleich angetan als ich den Roman in der Verlagsvorschau entdeckte. Die rote Blüte auf weißem Hintergrund ist an sich schon ein guter Eyecatcher, aber die Nadeln in den Blütenblätter machen den potenziellen Leser natürlich umso neugieriger. Was hat es damit auf sich?

Diese Neugier wird durch den Titel “Wovon wir nicht sprechen” noch verstärkt, denn natürlich stellt man sich unweigerlich die Frage, wovon denn nicht gesprochen wird und um welches Thema sich wohl Joanne Fedlers neuer Roman dreht. Der deutsche Titel ist recht nah dran am Originaltitel “Things without a name”. In meiner ausführlichen Meinung zum Buch werde ich noch begründen, warum ich die deutsche Übersetzung (ebenso wie den Originaltitel) für sehr gelungen halte.

Mein Eindruck

Der Einstieg in “Wovon wir nicht sprechen” fiel mir zugegebenermaßen nicht leicht. Joanne Fedlers Erzählstil ist ebenso ungewöhnlich wie ihre Protagonistin Faith. Es brauchte einige Zeit bis ich mich an ihre distanzierte und emotionslose Art des Erzählens gewöhnt hatte. Rückblickend ist es aber gerade dieser distanzierte Stil der Ich-Erzählerin, der das Geschilderte nicht nur erträglich, sondern vor allem lesenswert macht.

Manch einer mag sich nun fragen wie ein sehr nüchternen Schreibstil mit der Thematik häusliche Gewalt bis zu ihrer extremsten Form zusammengehen. Ist es nicht ein Frevel gerade als Frau derart kühl, manchmal schon fast derb über dieses sensible Thema zu schreiben? Das war im ersten Moment auch mein Gedanke, aber je mehr erschreckende Fakten ich über Faith Alltag las, umso klarer wurde mir, dass ich diese mit einem emotionalen Erzählstil überhaupt nicht ertragen könnte. Faith arbeitet nämlich als Rechtsberaterin für weibliche Opfer häuslicher Gewalt und schildert oft Erschreckendes aus ihrem beruflichen Alltag: Frauen, die ihre Männer schützen, obwohl sie von ihnen verprügelt werden, Opfer sexueller Gewalt, die vor Gericht nicht aussagen wollen, weil sie sich schämen bis hin zu Klientinnen, die trotz dessen, dass sie Hilfe gesucht haben, zu Tode kommen, weil die Hilfe nicht schnell genug ankam.

In der Regel liest man über dieses Thema meist etwas aus der Perspektive der Betroffenen. In “Wovon wir nicht sprechen” nähert sich die Autorin diesem sensiblen Thema allerdings aus einer distanzierteren Perspektive, was mir besonders gut gefällt. Erwähnt werden muss an dieser Stelle, dass die Autorin selbst beruflich mit Opfern häuslicher Gewalt zu tun hatte und damit ihre Protagonistin mit autobiografischem Hintergrundwissen füttern konnte, das mit dem Roman auf jeder Seite anmerkt. Die Details über Faith Arbeit sind – soweit ich es beurteilen kann – sehr authentisch, fast schon sachbuchartig. Aufgrund der nüchternen Schilderung harter Fakten war dieser Roman für mich nur in kleinen Häppchen konsumierbar. Ich musste das Buch einfach immer wieder zuklappen, um diese schwere Thematik nicht zu sehr an mich ran zu lassen.

Neben der Thematik “häusliche Gewalt” spielt aber auch Faith persönliches Schicksal eine entscheidende Rolle und bildet den zweiten Handlungsstrang des Romans. Dieser ist nicht weniger interessant, aber etwas emotionaler und leichter verdaulich, vor allem weil Faith eine so herrlich schrullige Persönlichkeit ist, die man sofort ins Herz schließt.

Interessanterweise ist bei beiden Handlungssträngen der Titel des Romans “Wovon wir nicht sprechen” der rote Faden, denn sowohl Faith Persönlichkeit wurde lange Zeit durch das Unausgesprochene in ihrer Familie geformt als auch das Unausgesprochene in ihrer täglichen Arbeit eine der größten Herausforderungen darstellt. Häusliche Gewalt ist ein Tabuthema, die Dunkelziffer ist hoch, eben weil die Gewalt in den eigenen vier Wänden stattfindet und viele Frauen sich nicht trauen, darüber zu sprechen.

Wer wie ich bisher nur “Weiberabend” – einen unterhaltsamen, recht leicht verdaulichen Frauenroman – von Joanne Fedler kannte, wird überrascht sein, wie anders sich die Autorin in “Wovon wir nicht sprechen” präsentiert. Nicht nur ist die Thematik erheblich schwieriger, auch der Plot ist komplexer und die Charaktere vielschichtiger. Auch sprachlich konnte mich Joanne Fedler durch den originellen Mix aus derben Ausdrücken und sehr klugen, fast schon philosophischen Gedanken beeindrucken. Ich verstehe gar nicht, warum diesem wichtigen und spannenden Roman bisher so wenig Beachtung geschenkt wurde.

Mein Fazit:

Joanne Fedler hat mich mit “Wovon wir nicht sprechen” sehr überrascht. Das ansprechende Cover und der geheimnisvolle Titel halten was sie versprechen: Auf sehr originelle und kluge Art wird eine eingängige und außergewöhnliche Geschichte erzählt, in deren Fokus Opfer von häuslicher Gewalt einerseits und das persönliche Schicksal einer mit diesen Opfern arbeitenden Frau andererseits stehen. Ich wünsche mir, dass dieser Roman noch viele Leser findet, weil hier ein so wichtiges Thema behandelt wird, wovon wir nicht mehr nicht sprechen sollten.

 

Vielen Dank an den Droemer Knaur Verlag für dieses Rezensionsexemplar.
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