|Rezension| Am Arsch vorbei geht auch ein Weg. Für Mütter/ Für den Haushalt – Alexandra Reinwarth

von | Okt 22, 2018 | 0 Kommentare

Ein Plädoyer für mehr Gelassenheit im Alltag

Verlag: mvg
Taschenbuch: 10,00 Euro
Ebook: 8,99 Euro
Erscheinungsdatum: 04.12.2017
Seiten: 112

„In der Kinderabteilung der Buchhandlung suche ich mir regelmäßig einen Wolf nach fantasievollen, tollen Büchern. Meistens ist das Buch für irgendwas gut: Das Kind soll lernen, wie man sich richtig verhält (Ich gehe nicht mit Fremden mit), wie man sich sozial verhält (Wohin mit meiner Wut) oder es geht richtig zur Sache, mit dem Kindergartenblock: Übungsmaterial für Kindergarten und Vorschule. Ich will dem Kind aber nicht permanent irgendwas beibringen, ich will dem Kind nur eine Freude machen und zwar eine möglichst große. Deswegen habe ich auch nicht aufgegeben und mir (fast) jedes Buch der Kinderabteilung angesehen. Aber wenn eine freundliche Buchhändlerin kommt und mich fragt: “Was gefällt Ihrem Kind denn?” und ich sage: “Drachen!”, dann kommt sie mit sowas wie: Der kleine Drache Kokosnuss. Erste Konzentrationsübungen (Lernspaß-Rätselhefte, Band 5) Das ist doch Kacke.“ (S.53)

Worum geht´s?

Vollgekotzte Oberteile und Schreikrämpfe im Supermarkt: Klar, ist blöd, aber man liebt den Quälgeist ja. Wen man nicht liebt, sind die Mütter von Klein-Paul-Justus, die einem ständig erzählen, dass ihr Sonnenschein ja schon allein das Köpfchen heben kann, und gerne ungefragt Erziehungsratschläge für das eigene »hoffnungslose« Kind geben. In solchen Fällen sollte man nur einem Motto folgen: Am Arsch vorbei geht auch ein Weg!

Mein Eindruck

Es gibt unzählige (Erziehungs-)Ratgeber für Eltern. Ich meide solche Bücher, weil sie mir meistens zu einseitig sind (Greif durch! vs. Lass dein Kind entscheiden!) und weil ich bisher schlichtweg keinen Anlass hatte, zu einem “Problemlöser”-Buch zu greifen (Ausnahme ist das ebenfalls hier besprochene und sehr empfehlenswerte “Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn”). Da mir Alexandra Reinwarth und ihre Art Ratgeber zu schreiben aber bereits bestens bekannt war, habe ich mich an die “Mütter”-Edition der “Am Arsch vorbei geht auch ein Weg”-Reihe gewagt, vor allem aber auch, weil eine liebe Freundin bei Instagram (Danke, Isabel!) Ausschnitte aus dem Buch postete, bei denen ich mich zu 100% wiedererkannt und daher sehr gelacht habe (Stichwort: Niemals zieht mein Kind hässliche T-Shirts mit Comic-Figuren an!).

Untergliedert ist dieses Buch in fünf Kapitel, die abgesehen von “Einleitung” und “Zum Schluss” die wesentlichen Phasen des Elternwerdens umfassen: “Nicht schwanger!”, “Schwanger!” und “Hurra, das Kind ist da!”, wobei das erste Kapitel entsprechend kurz ist, da es in diesem Ratgeber schließlich ums “Muttersein” gehen soll. Die beiden Hauptkapitel sind dann nochmal in unterschiedlich lange (aber im wesentlichen sehr kurze) Unterkapitel untergliedert, die bunt gemischt Themen umfassen, die Mütter beschäftigen. Hier einige Beispiele, bei denen wohl jede Mutter gleich weiß, wo das Problem liegt: “Bauchkommentare”, “Wochenbettbesuche”, “Basteln”, “Nudeln ohne alles und Reis ohne alles”, “Nein bleibt Nein”. Wie der Titel des Buches bereits offensiv vermittelt, ist der Grundtenor bei jedem Thema: Mach dich locker! Ein Nein darf auch mal zu einem Ja werden, wenn du keinen Bock auf basteln mit deinem Kind hast, dann lass es bleiben (Wozu gibt es die Kita?) und wenn das Kind Nudeln ohne alles essen will, dann gib ihm oder ihr Nudeln ohne alles. Und verdammt noch mal: Sie hat so recht. Das Leben mit Kind(ern) ist anstrengend genug – man muss nicht jeden Kampf kämpfen. Das gilt übrigens für Väter ebenso wie für Mütter, weshalb ich es ein bisschen schade finde, dass dieses Buch sich explizit an Mütter richtet, aber klar, schwanger werden nun mal die Frauen, weshalb ein großer Teil des Buches, nämlich der, der sich mit der Schwangerschaft auseinandersetzt, für Väter eher uninteressant sind. Vielleicht gibt es aber bald noch eine extra Väter-Edition, denn auch die können sich bei vielen (Erziehungs-)Themen mal locker machen.

Erwähnenswert ist noch die Tatsache, dass vor allem Kleinkind-Mütter bei diesem Buch auf ihre Kosten kommen, denn die von Alexandra Reinwarth bearbeiteten Themen sind vor allem aus dem Kleinkind-Kosmos, vermutlich weil sie hier überwiegend aus ihrem eigenen Alltag mit Kleinkind erzählt. Man merkt bereits nach den ersten Seiten, dass die Autorin weiß, was sie erzählt. Sowohl ihre saloppe Sprache als auch die geschilderten Situationen sind lebensnah und gerade deshalb so unterhaltsam. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund (siehe Zitat oben), was sich nicht jeder mag, aber ich finde gerade das herrlich erfrischend.

Wer bei “Am Arsch vorbei geht auch ein Weg” ernsthafte Ratschläge zum Eltern-bzw. Muttersein erwartet, wird bei der Lektüre dieses Buches vermutlich eine herbe Enttäuschung erleben, aber mal ehrlich: Wer bei diesem Titel und Cover einen wissenschaftlich fundierten Ratgeber erwartet, der sollte mal dringend zum Augenarzt bzw. generell seine Erwartungshaltung überprüfen. Dieses Buch eignet sich super als Geschenk für frisch gebackene Mütter, denen man mit diesem Plädoyer für mehr Gelassenheit prima den Wind aus den Segeln nehmen und zusätzlich für sehr humorvolle Unterhaltung sorgen kann.

Verlag: mvg
Taschenbuch: 10,00 Euro
Ebook: 8,99 Euro
Erscheinungsdatum: 04.12.2018
Seiten: 112

„Instagram und Pinterest sind die natürlichen Feinde des Selbstwertgefühls, und zwar in allen Bereichen. Egal, ob es dabei um Ihr Aussehen geht, um Ihre Wohnung oder Ihr Haus, um Ihren Job, Ihren Urlaub, Ihre Ernährung, Ihre Beziehung oder Ihr Kind. Scheißegal, an welchen Lebensbereich Sie denken: Auf Instagram und Pinterest sehen ALLE besser aus als Sie, haben eine schönere Wohnung als Sie, arbeiten mit dem Laptop vom Strand aus, essen hübsch drapiertes Obst, bekommen niedliche Ich-liebe-dich-Zettelchen von ihrem Partner und haben Kinder, die unfassbar niedlich aussehen und zwar in unfassbar niedlichen Klamotten in unfassbar niedlichen Kinderzimmern. Instagram und Pinterest sind so etwas wie digital gewordene Selbstkasteiung – und Selbstkasteiung ist scheiße.” (S. 37)

Worum geht´s?

Der Boden ist frisch gewischt und kaum dreht man sich um, rennt schon wieder einer mit seinen verdreckten Schuhen durch, bröselt auf den eben gesaugten Teppich und überhaupt, der Wäscheberg wird nie kleiner. Doch nicht verzagen, Alexandra Reinwarth fragen und lernen, den Staubwedel getrost links zu liegen zu lassen: Für ein erfülltes Leben, an dessen Ende nicht »Hatte immer eine saubere Wohnung« auf dem Grabstein steht.

Mein Eindruck

Ich gebe offen zu: Das Muttersein betreibe ich um einiges ambitionierter als das Haushalten, aber trotzdem hat mich interessiert, ob ich mir noch mehr am Arsch vorbei gehen lassen sollte, als ich es ohnehin schon tue.

Die “Haushalts”-Edition des “Am Arsch vorbei”-Ratgebers ist ähnlich aufgebaut wie die “Mütter”-Edition: Es fehlen zwar die Hauptkapitel, dafür gibt es auch hier viele kurze Kapitel, deren Abfolge keiner Logik folgen und die ein Sammelsurium an haushaltsrelevanten Themen beinhalten, so zum Beispiel “Instagram und Pinterest”, “Schlechtes Gewissen” und “Minimalismus”.

Auch hier gilt: Wer auf ernsthafte Ratschläge hofft, wie er seinen Haushalt noch effizienter und besser erledigen kann, ist mit diesem Buch nicht gut beraten. Alexandra Reinwarth richtet sich vielmehr an die Frauen (an dieser Stelle könnte man jetzt eine Gender-Debatte einführen, auf die ich aber absolut keine Lust habe), die in Haushaltsdingen permanent gestresst sind und zu Perfektionismus neigen. Fakt ist und das betont sie auch immer wieder: Gerade als berufstätige Mutter ist es nahezu unmöglich eine klinisch reine und stets aufgeräumte Wohnung zu haben. Jeder hat natürlich ein eigenes Empfinden, bei welchem Grad von Sauberkeit und Ordnung er bzw. sie sich wohlfühlt. Wovon man sich aber laut der Autorin frei machen sollte, sind die äußeren Zwänge. Bestimmte Tätigkeiten im Haushalt zu erledigen, weil man das halt so macht (Beispiel im Buch: jede Woche die Betten neu beziehen), obwohl es dafür eigentlich keine Notwendigkeit gibt, sollte zur eigenen Entlastung kritisch hinterfragt werden. Alexandra Reinwarth ermutigt dazu, sich die gesellschaftlichen Zwänge am Arsch vorbei gehen zu lassen und gerade beim Thema Hauhalt halte ich das für einen richtigen und wichtigen Weg, um sein Stresslevel zu senken.

Insgesamt war ich von der “Haushaltsedition” nicht ganz so angetan wie von der “Mütteredition”, was aber vermutlich daran liegt, dass ich hinsichtlich dieser Thematik um einiges entspannter bin als beim Muttersein und so einige der hier aufgeführten Handlungsempfehlungen mich nicht so geködert haben wie bei der Mütter-Edition. Trotzdem habe ich auch bei diesem Buch einige Male laut lachen müssen, weil die Autorin ein unvergleichliches Talent dafür hat, Alltagssituationen treffend in knappen Sätzen so darzustellen, dass man sich mittendrin wiederfindet.

Mein Fazit:

Ich habe bisher fünf Bücher von Alexandra Reinwarth gelesen und bei allen fünf musste ich so viel lachen wie bei keinen anderen Büchern. Immer wieder habe ich beim Lesen diesen “Sie ist ich!”-Moment und erkenne mich in den von ihr geschilderten Alltagssituationen wieder. Diese beiden “Am Arsch vorbei”-Bände sind eine kurzweilige und unterhaltsame Lektüre, ein Plädoyer für mehr Gelassenheit und Pragmatismus im Alltag, das sich vor allem gestresste Mütter zu Gemüte führen sollten, aber eben keine ernstzunehmenden Ratgeber und gerade deshalb eine Empfehlung.

Vielen Dank an den mvg Verlag für die Rezensionsexemplare.