|Rezension| Eine Liebe, in Gedanken – Kristin Bilkau

von | Apr 25, 2018 | 0 Kommentare

Leise Töne mit großer Wirkung

Verlag: Luchterhand
Gebundene Ausgabe: 20,00 Euro
Ebook: 15,99 Euro
Erscheinungsdatum: 12.03.2018
Seiten: 256
Weitere Veröffentlichungen: Die Glücklichen

Mut + Schuld. Ich wollte dieses Wortpaar den Tag über betrachten können, wollte es eine Weile mit mir herumtragen, in meiner Hand, auf meiner Haut. Für meine Mutter schienen diese Begriffe zusammenzugehören, oder sie waren wie eine Aufforderung. In diese beiden Worten, und in dem Wissen, dass sie für meine Mutter von Bedeutung gewesen waren, lag für mich ein kleines, tröstendes Geheimnis.“ (S.80)

Worum geht´s?

Hamburg, 1964. Antonia und Edgar scheinen wie füreinander gemacht. Sie teilen den Traum von einer Zukunft fern von ihrer Herkunft. Im Krieg geboren und mit Härte und Verdrängung aufgewachsen, wollen die Welt kennenlernen, anders leben und lieben als ihre Eltern. Edgar ergreift die Chance, für eine Außenhandelsfirma ein Büro in Hongkong aufzubauen. Toni soll folgen, sobald er Fuß gefasst hat. Nach einem Jahr der Vertröstungen löst Toni die Verlobung. Sie will nicht mehr warten und hoffen, sondern endlich weiterleben.

Tonis und Edgars Leben entwickeln sich auseinander, doch der Trennungsschmerz zieht sich wie ein roter Faden durch beide Biographien. Toni lebt in dem Konflikt zwischen ihren Idealen von Freiheit und Unabhängigkeit und dem Wunsch, sich zu binden, um Edgar zu vergessen. Fünfzig Jahre später, nach dem Tod ihrer Mutter fragt sich Tonis Tochter: War ihre Mutter gescheitert oder lebte sie, wie sie es sich gewünscht hat: selbstbestimmt und frei? Wer war dieser Mann, den sie nie vergessen konnte? Die Tochter will ihm begegnen, ein einziges Mal.

Cover und Titel

Normalerweise lasse ich mich bei der Auswahl meiner Lektüre ja sehr vom Buchcover leiten. Bei “Eine Liebe, in Gedanken” waren es aber der schöne Titel und die Tatsache, dass es sich bei der Autorin um Kristin Bilkau handelt, die mich zu diesem Roman greifen ließen. Der Titel verspricht eine Liebesgeschichte; die Autorin, von der ich bereits “Die Glücklichen” gelesen habe, kann großartig erzählen – somit zwei gute Argumente für dieses Buch.
Das weiße Cover, auf dem eine Frau in einem 60er Jahre Kleid zu tun ist, die über ein Geländer aufs Wasser schaut, verrät schon einiges über die Geschichte über eine Liebe in den 60er Jahren, in deren Mittelpunkt eine sehnsüchtige Frau steht. Ich mag die Schlichtheit des Motivs, auch wenn es dadurch kein Eyecatcher ist.

Mein Eindruck

Nachdem ich von Kristin Bilkaus Debüt “Die Glücklichen” sehr beeindruckt war, weil es ihr gelang, einen bestimmten Zeitgeist auf sehr  besonnene und kluge Art zu transportieren, war klar, dass ich ihren zweiten Roman mit dem verheißungsvollen Titel auch lesen muss.

Wieder besticht sie in “Eine Liebe, in Gedanken” durch einen sehr ruhigen und unaufdringlichen Sprachstil, der mir außerordentlich gut gefällt. Ihre Sätze kommen ohne große Metaphern oder emotionale Ausschweifungen aus und trotzdem verfehlen sie ihre Wirkung nicht. Sie konzentrieren sich auf das Wesentliche, weshalb es der Autorin auch gelingt eine recht umfassende Liebesgeschichte auf knappen 256 Seiten zu erzählen.

Während man aber in “Die Glücklichen” einen voyeuristischen Blick in die Seele ihrer Protagonisten werfen konnte, hält die Autorin in ihrem zweiten Roman den Leser zu ihren Figuren auf Distanz. Die drei Hauptfiguren Edgar, Antonia und deren Tochter, die namenlos bleibt und aus deren Retrospektive die Liebesgeschichte ihrer Mutter mit Edgar erzählt wird, kamen mir nie wirklich nah. Auch wenn Toni und Edgars Geschichte spannend und gut erzählt ist – für einen vermeintlichen Liebesroman fehlen die Emotionen, das Mitfiebern und Mitleiden. Lediglich bei der Beziehung zwischen Antonia und ihrer Tochter geht Kristin Bilkau etwas mehr in die Tiefe, aber auch hier hätte es gern noch mehr sein dürfen.

Die Geschichte an sich ist spannend aufgebaut: Aus der Sicht der Tochter im mittleren Alter wird nach dem Tod ihrer Mutter deren Vergangenheit, im Speziellen eben ihre Liebe zu Edgar, wieder aufgerollt. Der zeitgeschichtliche Hintergrund (Hamburg in den 60er Jahren) spielt keine zentrale Rolle. Er wird vielmehr in Nebensätzen sehr geschickt eingeflochten, um die Liebesgeschichte adäquat einzubetten. Lediglich die Rolle der Frau in den 60er Jahren und die damit verbundenen Schwierigkeiten werden etwas detaillierter skizziert,.was mir gut gefallen hat. Ansonsten stehen in “Eine Liebe, in Gedanken” vielmehr Antonias Erlebnisse mit Edgar im Mittelpunkt: wie sie sich kennenlernen, die Briefe, die er ihr schreibt, die Gespräche, die sie führen, das Ende der Beziehung, für das es lange Zeit keine Erklärung gibt. Da die Erzählperspektive keine tiefen Inneneinsichten erlaubt (woher soll die Tochter wissen, wie die Mutter sich gefühlt halt), bleiben die großen Emotionen dabei auf der Strecke. Wer also auf der Suche nach einem klassischen Liebesroman ist, wird hier vermutlich nicht glücklich.

Mein Fazit:

“Eine Liebe, in Gedanken” ist eine intelligent erzählte, ruhige Geschichte einer unerfüllten Liebe im Deutschland der 60er Jahre. Kristin Bilkau gelingt es mit wenigen Worten viel zu sagen, allerdings hätten dem Roman weitere 50 Seiten, auf denen sich noch stärker mit den Protagonisten auseinandergesetzt wird, gut getan. Insgesamt empfand ich diesen Roman als eine kurzweilige und angenehme Unterhaltung, aber keine, die mich nachhaltig berührt.

Vielen Dank an den Luchterhand Verlag und das Bloggerportal für dieses Rezensionsexemplar.
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